Konzertreise in den Libanon

Auf Einladung der Deutsch-Libanesischen Vereinigung zur Förderung der Kultur (Kulturzentrum Jounieh) reiste das Blockflötenquintett "Consort of five" im Juli 2010 in den Libanon.
Das Kulturzentrum Jounieh wurde von dem deutsch-libanesischen Ehepaar Adaimi gegründet. Jedes Jahr im Sommer und Herbst findet ein Musikfestival mit Konzerten im ganzen Land statt.
Die meist deutschen MusikerInnen treten an den verschiedensten Orten auf, in Botschaften, Krankenhäusern, Kirchen, Schulen oder Privathäusern.
"Consort of five" gab beim diesjährigen "16. Internationalen Kulturfestival" vier Konzerte im Zentral- und Südlibanon.
Neben den Konzerten gab es auch reichlich Gelegenheit, Land und Leute kennen zu lernen.

Tag 1

Es ist noch wirklich früh, als wir in Frankfurt-Flughafen ankommen und unser Gepäck aufgeben. Darunter auch unsere 2 m großen Subbässe – sicher verpackt in selbst gebauten Röhren und unter etlichen Lagen „fragile“ - Aufklebern versteckt. Die kleineren Instrumente kommen mit ins Handgepäck, natürlich begleitet vom ungläubigen Staunen der Sicherheitsbeamten: „Das sind Blockflöten?!“.
Nach einigen Stunden sicherem Flug sehen wir die Küste des Libanon in der flirrenden Hitze. Ein Fahrer der deutschen Schule Jounieh holt uns am Flughafen ab. Die Straßenzüge sind uns fremd. Vom Krieg gezeichnete Häuser wechseln sich mit moderner Architektur ab. Es ist sehr staubig, Schutt liegt herum und überall wird gebaut.
Schon jetzt merken wir: Verkehrsregeln sind hier wohl eher dafür gemacht, gebrochen als eingehalten zu werden. Vorfahrt hat, wer zuerst hupt! Eine einspurige Straße wird schnell zu einer mehrspurigen, wenn es nötig ist. Ampeln und Schilder sind lediglich als Vorschlag zu sehen.
Es geht die Küste entlang, direkt nach Jounieh, unserem Domizil für die nächsten acht Tage. Bei unseren Gastgeber angekommen beziehen wir unsere Zimmer und dürfen dann den Luxus der Villa genießen – Schwimmbad, Bedienstete und das unglaubliche libanesische Essen!
Mit einer kurzen Anspielprobe versichern wir uns, dass die Instrumente den Flug gut überstanden haben.

Tag 2

Noch recht müde – an Schlaf war wegen der enormen Hitze und der vielen Mücken kaum zu denken – treffen wir uns morgens im Garten unter einer alten Zeder, dem libanesischen Nationalbaum, zum Frühstück. Kurz darauf machen wir Bekanntschaft mit Astrid Fischer, die für die Konzertorganisation zuständig ist. Sie und ihre ganze Familie laden uns zu einem Ausflug nach Baalbek ein.
Baalbek ist eine der wichtigsten Touristenatraktionen des Libanon. Die römischen Bachus-, Jupiter- und Venus-Tempel gehören zu einer der größten antiken Tempelanlagen.
Baalbek ist aber auch ein wichtiges Zentrum der Hisbollah. Die zum Teil aggressive Propaganda und die zahlreichen Straßensperren mit bewaffneten Soldaten wirken leicht verunsichernd.
Wir haben Glück, die Tempel besichtigen zu können, denn oft ist die Sicherheitslage in diesem Teil des Landes zu angespannt.

Tag 3

Heute steht das erste Konzert an. Wir proben für das Konzert am Abend und gehen Abläufe und Aufstellungen durch. Die Consortblockflöten von Martin Praetorius spielen wahnsinnig schön und wir sind sehr erleichtert. Wussten wir doch nicht, wie die Instrumente auf die extreme Luftfeuchtigkeit reagieren würden.
Nach einem kleinen Snack (der hier im Libanon nie wirklich klein ist!) werden wir zur Kirche St. Doumit in Souq Mikael gefahren. Eine kleine, hübsche Steinkirche erwartet uns. Zunächst sind wir angenehm überrascht, wie kühl es durch die (leider laute) Klimaanlage drinnen ist. Denn zugegeben – bei dieser Hitze in schwarzem Konzertzeug zu spielen, ist wahrlich kein besonderes Vergnügen. Doch dann merken wir schon bald, dass es sogar zu kalt wird, die Noten weg wehen und die Lautstärke unserem Consortklang doch etwas im Wege steht...
Die Zuhörer scheinen es nicht zu bemerken. Sie sind offensichtlich an das Gebläse der Klimaanlagen gewöhnt. Begeistert werden wir nach (und sogar während des Konzerts!) fotografiert und um Autogramme gebeten. Die Musik des 16.Jahrhunderts, gemischt mit einigen moderneren Bearbeitungen, hat ihnen gefallen.
Danach laden uns unsere Gastgeber Lotti und Faouzi Adaimi in ein typisch libanesisches Restaurant ein. Es werden unglaubliche Köstlichkeiten auf den Tisch gezaubert. Mezza (Mezze???), die arabischen „Vorspeisen“, die aber den Hauptteil des Essens ausmachen, werden in unzähligen Schüsseln von den zuvorkommenden Kellnern gereicht. Dazu gibt es jede Menge Arrak, den libanesischen Anis-Schnaps. Dieser schmeckt nicht nur, er soll auch helfen, uns vor den gefürchteten Folgen bakterienverseuchten Essens zu schützen. Im Laufe der Jahre mussten schon etliche Musiker ins Krankenhaus - das praktischerweise unseren Gastgebern gehört.

Tag 4

Am Vormittag besichtigen wir die Grotten von Jaita, ein gigantisches Tropfsteinhöhlensystem. In der oberen Höhle kann man riesige Stalaktiten bewundern. Die untere Höhle ist aber nicht weniger faszinierend - mit einem kleinen Kahn fahren wir auf kristallklarem Quellwasser in die Höhle hinein. Erfrischend und ein klein wenig „verzaubert“! Unser heutiges Konzert führt uns nach Bhannes, einem Luftkurort mitten in den Bergen. Wie auch schon in den vergangenen Tagen müssen wir an zahlreichen „Checkpoints“ vorbei, die wir aber immer nach einem strengen Blick der Soldaten passieren dürfen. Dennoch sind die nur durch Sandsäcke und rot-weiße Tonnen gekennzeichneten Sperren für uns sehr gewöhnungsbedürftig.
Die Menschen in Bhannes empfangen uns gastfreundlich und zuvorkommend. Wir spielen im wunderschönen Innenhof des Medical Centre. Es wird ein fröhliches und unkonventionelles Konzert. Anschließend sind wir wieder zu einem opulenten Essen eingeladen.

Tag 5

Byblos, heute Jbeil, ist eine kleine orientalische Stadt direkt am Meer - wir sehen nach einem langen Weg mit vielen Staus zuerst die historischen Türme des alten Hafens. Von dort aus gehen wir zunächst zum alten „Souq“-Markt, der uns viele neue Gerüche in die Nase weht. Es herrscht geschäftiges Treiben. Gerne wären wir noch länger geblieben, aber es gibt noch viel zu sehen und wir müssen auch pünktlich zurück sein, um uns für unser Konzert heute Abend vorzubereiten.
Also gehen wir die staubige Straße an duftenden Bäumen entlang zur Ausgrabungsstätte und sehen wieder die grandiosen Ruinen der einstigen phönizischen und römischen Anlagen. Direkt dahinter liegt das Mittelmeer - Wahnsinn! Wir hören den Ruf des Muezzins und sind wirklich in einer anderen Welt.
Heute spielen wir bei einer privaten Veranstaltung in der Villa Da´Ima in Fatka . Der Inhaber ist ein reicher Antiquitätenhändler und lädt einmal im Monat Gäste (es sind über hundert!) zu einem Konzert und anschließendem Festmahl ein.
Jetzt, nach einigen Tagen sind wir müde von den ganzen Eindrücken und haben gar nicht recht Lust zum Spielen - das ändert sich allerdings nach dem ersten Ton. Der Marmorsaal in der Villa entpuppt sich als ein Konzertsaal mit der besten Akustik, in der wir jemals musiziert haben!

Tag 6

Nun sind wir gespannt auf den Süden. Das letzte Konzert ist in Tyros, einer alten Hafenstadt. Wir fahren die ganze Küste entlang, sehen immer wieder Soldaten und kommen schließlich ins Gebiet der Hisbollah. Von Weitem können wir sogar schon die israelische Grenze sehen.
Die Menschen hier sind sehr arm.Viele verdienen ihren Lebensunterhalt als Fischer oder auf den Bananenplantagen. Dieses Gebiet hat unter den bewaffneten Konflikten im Libanon stets am meisten gelitten.
Unser Konzert findet in der maronitischen Kirche direkt am Hafen statt. Es kommen viele Zuhörer und wir fangen mit etwa einer halben Stunde Verspätung an.
Mitten im Konzert geht auf einmal das Licht aus und es herrscht plötzlich eine gespenstische Stille - auch die Klimaanlage hat gnädigerweise Pause. Es ist Stromausfall wie so oft. Allerdings dauert es nur zwei Minuten, bis wir weiterspielen können. Kaum spielen wir aber das nächste Stück, fällt der Strom schon wieder aus. Insgesamt fünf mal... Die Menschen reagieren gelassen, schalten die Leuchten ihrer Handys an und wir warten gemeinsam ab. Eine drückende Schwüle legt sich nun in der Kirche nieder - die Lüftung wäre wohl doch notwendig. Mit Hilfe des Notstromaggregats beenden wir schließlich den aufregenden Abend und fahren durch die Nacht zurück nach Jounieh.

Tag 7

Heute ist unser erster konzertfreier Tag in dieser Woche. Wir lassen uns an den Strand bringen und genießen das Mittelmeer und die Sonne.
Später besichtigen wir die maronitische Pilgerstätte auf dem Berg Harissa. Unser Vorschlag, doch mit der Seilbahn auf den Berg zu fahren, wird mit lautem Lachen abgelehnt. Zu häufig gibt es im Libanon Stromausfälle. Die Chance, mit der Bahn nicht steckenzubleiben, ist eher gering.
Also geht es wieder mit dem Auto hoch. Oben angekommen sehen wir die schneckenförmige Kirche mit der bronzenen Statue von der Jungfrau Maria, die auch „Notre Dame du Liban“ genannt wird.

Tag 8

Unser letzter ganzer Tag im Libanon. Wir haben die Gelegenheit, eine libanesische Blockflötenlehrerin kennenzulernen.
Obwohl Musik einen hohen Stellenwert zumindest bei der westlich orientierten christlichen Bevölkerung hat, ist die Blockflöte ein recht unbekanntes Instrument. Dank piepsiger Plastikblockflöten, die es an vielen Souvenirständen zu kaufen gibt, hat die Blockflöte aber bereits einen schlechten Ruf. Professionell gespielte Blockflötenmusik war für alle unsere Konzertbesucher ein absolutes Novum. Ganz zu schweigen von Consortinstrumenten oder großen Flöten.
Unsere libanesischen Kollegen - im ganzen Land gibt es acht Blockflötenlehrer- haben noch einen langen Weg vor sich, die Blockflöte als ernst zu nehmendes Instrument zu etablieren.
Am Nachmittag wird für uns wieder ein Touristenprogramm organisiert. Wir fahren in die Choufregion, ein historisches Gebiet südöstlich von Beirut. Diese krisenreiche Region war Schauplatz vieler blutiger Auseinandersetzungen zwischen Drusen und maronitischen Christen, zuletzt erst im Bürgerkrieg um 1983/84. Wir erleben den Ort zum Glück nur als faszinierendes Naturgebiet und bewundern die kleinen Dörfer mit teilweise noch traditionell gekleideten Drusen.
Nach rund zweistündiger Fahrt mit vielen spannenden Informationen kommen wir an den Palast von Beit Eddine. Er ist ein großes Beispiel libanesischer Architektur des 19. Jahrhunderts.
Man kann heute noch zwei der drei Palastteile besichtigen - der prunkvollste hingegen wird vom Staatspräsidenten als Sommerresidenz genutzt.
An diesem historischen Ort findet wie an vielen Stätten im Sommer ein Musikfestival mit internationalen Stars der Klassik- und Popszene aber auch mit arabischer Musik statt.

Tag 9

Eine spannende Reise geht zu Ende. Wir frühstücken noch einmal gemeinsam und werden dann zum Flughafen gebracht. Wir bedanken uns bei Lotti und Faouzi Adaimi und verabschieden uns mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen.

Cof probt das neue Programm "Das Leben und die Liebe" mit dem Schauspieler Thomas Grünberg - erste Aufführung in Köln am 10. November

Lesen Sie eine Besprechung unserer CD in der Zeitschrift "TIBIA"

Lesen Sie einen Bericht über unsere Libanon-Reise in der Zeitschrift "Windkanal" - Das Forum für die Blockflöte

CD "VOICES" erhältlich unter www.amazon.de und über das Kontaktformular

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